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Serge
Hasenböhler
Fotografie
registriert Spuren der sichtbaren Welt. Und da spielt natürlich
oft auch der Zufall eine grosse Rolle. Ein Maler kann frei
wählen, welche Elemente aus der sichtbaren Welt er in sei-nem
Gemälde wiedergeben will. Der Fotograf bestimmt eher, welche
Aspekte der sichtbaren Welt er nicht in seinem Bild haben
möchte - und ist dabei doch immer auch den Eigengesetzlichkeiten
dieser Welt unterworfen. Oder anders gesagt: Die Arbeit des
Malers wird stärker von den Gesetzen des Mediums selbst bestimmt,
die Arbeit des Fotografen stärker von Bedingungen des Gegenstandes,
den er zur Darstellung bringt. So gesehen ist das Medium Malerei
weit technischer motiviert als die Fotografie. Oder anders
gesagt: Das Arbeitsmaterial des Malers besteht technisch gesehen
in erster Linie aus Farbe und Leinwand, das Material des Fotografen
aber ist in erster Linie die sichtbare Welt.
Das
gilt auch für Serge Hasenböhler. Mit dem einen Unterschied,
dass er im Mikrokosmos seines Studios, wo er wie alle Künstler
der Panthokrator einiger Kubikmeter Raum ist, erst kleine
künstliche Welten baut, die er dann fotografiert. Es sind
launische Ding-Assoziationen, halb Konstruktionen, halb Objet
trouvé. Oft wirken seine Arbeiten wie Gedanken, die frei um-herschweifen,
um plötzlich Bild zu werden - in flagranti erwischt, caught
in the act. Seine Bilder erzählen uns etwas über den Blick
auf die Dinge - und schweigen sich doch über deren Details
aus. Diese Ambivalenz auf der Ebene des Inhalts setzt sich
auch beim Formalen fort: Mit viel Eleganz wird uns da ein
Stück Natur (oder gelegentlich auch ein Stück Natur-Imitat)
präsentiert über einem Grund, der meist in der einen oder
anderen Farbe sanft vor sich hin leuchtet - so oder ähnlich
schön werden uns in der Werbung auch Schmuckstücke oder in
Lifestyle-Magazinen kostbare Kosmetika oder Trüffeln präsentiert.
Gleichzeitig aber entziehen sich uns diese Dinge auch: Mal
verschwinden sie in der Unschärfe, mal werden ihre Konturen
vom Licht überstrahlt oder im Schatten aufgesogen. Die Dinge
werden von Ihrer "falschen" Seite gezeigt oder durch den Bezug
zu ihrer Nachbarschaft in Frage gestellt.
Samuel
Herzog: Mal wirken deine Arbeiten eher konstruiert, dann wieder
hat man den Eindruck, die Dinge seien hier ohne steuernde
Absicht dem Bild einfach so zugefallen.
Serge
Hasenböhler: Für mich ist es wichtig, ohne eine vorgefasste
Bildidee an die Arbeit zu gehen. Ich will keine Geschichte
erzählen, nichts Symbolisches schaffen. Für mich sind die
Dinge, die in meinen Bildern auftreten, reines Material. Ich
weiss zwar, dass viele dieser Dinge mit Inhalten behaftet
sind, doch versuche ich auch diese Inhalte wie etwas Materielles
einzusetzen. Das heisst: Das Symbolische oder Erzählerische,
das einem Ding anhaftet, steht für mich nicht über seiner
materiellen Realität.
Samuel
Herzog: Und wie muss man sich diesen Arbeitsprozess konkret
vorstellen?
Serge
Hasenböhler: Ich stelle ein Set zusammen, zu dem ganz verschiedene
Materialienören. Dann fange ich an, die Sammelstücke zu
kleinen Kompositionen zusammenzustellen. Ich mache dies sehr
schnell, so dass keine Vorstellung eines Bildes entstehen
kann und ich nicht ins Erzählerische oder Symbolische abrutsche.
Dabei lasse ich mich ganz von momentanen Eingebungen leiten.
Im Mittelpunkt steht, was da im Moment passiert, was sich
da vor mir und in mir verändert und wie das geschieht. Der
Spagat zwischen Zufall und Absicht und das Loslassen vorgefasster
Codes ist für mich Antrieb zum Arbeiten. Ich denke bei dieser
Arbeit also auch nicht an das Bild, das zum Schluss dabei
herauskommen wird - folglich schaue ich auch nur selten durch
den Sucher. Bei der definitiven Auswahl der Bilder achte ich
jedoch darauf, dass diese Diskrepanzen oder Brüche spürbar
sind.
Samuel
Herzog: Ist das Bild also quasi das Dokument einer Performance?
Serge
Hasenböhler: Das Dokument von Spuren einer Perfomance, würde
ich eher sagen. Auf jeden Fall ist mir die Entstehung des
Bildes ebenso wichtig oder vielleicht sogar wichtiger als
das Bild selbst. So gesehen könnte man meine Bilder auch als
eine Art von Dokumentarfotografie ansehen. Sie entstehen ja
im Rahmen eines sehr önlichen Rituals, das schon mit der
Organisation der Bildgegenstände (dem "Sammeln und Jagen")
beginnt. Das Ergebnis dokumentiere ich dann.
SamuelHerzog:
Und worauf läuft das hinaus? Als Betrachter sind wir am Ende
ja nur mit dem Bild konfrontiert. Was ist da dein Ziel?
Serge
Hasenböhler: Ich will den Betrachter verführen, diese Dinge
nochmals neu und genau anzusehen. Deshalb versuche ich sie
in einem neuen Kontext vorzuführen, wo die Bedeutungen noch
nicht so stark festgeschrieben sind. Ich kehre die Dinge um,
verschiebe die Grössen-verhältnisse... Streng genommen erwartet
man ja von einem Fotografen, dass er die Dinge so fotografiert,
dass man sie auf den ersten Blick erkennt. Mich interessiert
es aber eher, sie die-sem ersten schnellen Blick zu entziehen
- ihnen so die Chance einer neuen, einer zweiten Lektüre einzuräumen.
Ich suche also nach Möglichkeiten dieser zweiten Lektüre -
aber wie gesagt nicht auf dem Weg der Komposition, sondern
ganz intuitiv.
Samuel
Herzog: Fühlst du dich bei der Arbeit also eher wie Maler,
der sich im Rausch auf seiner Leinwand austobt, denn wie ein
Fotograf?
Serge
Hasenböhler: Für mich hat meine Arbeit mehr mit Malerei als
mit einem Rausch zu tun. Aber die Frage, ob ich nun eher Maler
oder Fotograf bin, ist für mich zweitrangig. Schlussendlich
sind es immer Fragen der Wahrnehmung, die für mich im Zentrum
stehen: Wie stehst du im Leben? Wie nimmst du die sogenannten
Wahrheiten wahr? Wie lässt sich die Optik verschieben? Die
Gegenstände in meinen Bildern haben ja für jeden Menschen
eine etwas andere Bedeutung - und jeder generiert aus dieser
Optik heraus sein Bild der Welt. Wir haben also alle ganz
andere Weltbilder - und genau diese Verschiebungen interessieren
mich.
Samuel
Herzog: Deine Arbeiten sollen sich also für möglichst viele
verschiedene Interpretatioöffnen.
Serge
Hasenböhler: Wenn ich mich dazu entscheide, ein Bild zu zeigen,
dann ist es mir wichtig, dass es für jeden etwas anderes bedeuten
kann. Ich mag es, wenn jeder etwas anderes darüber erzählt,
wenn jeder aus seinem eigenen Empfinden und seiner eigenen
Erfahrung heraus darauf reagieren muss.
Samuel
Herzog: Auch das ist eigentlich ein Vorhaben, das man eher
mit Malerei als mit Fotografie verbindet.
Serge
Hasenböhler: Ja vielleicht. Mit Fotografie kann man ja sehr
genau steuern, was für Assoziationen man beim Betrachter auslösen
will. Genau das aber interessiert mich nicht mehr: Ein Bild
sollte immer ein Rätsel in sich tragen, nur so ist ein Diskurs
zu erwarten.
Samuel
Herzog, April 2004
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