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Serge Hasenböhler
Christine Camenisch - Lichtinstallation

24. April - 29. Mai 2004

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Serge Hasenböhler

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Fotografie registriert Spuren der sichtbaren Welt. Und da spielt natürlich oft auch der Zufall eine grosse Rolle. Ein Maler kann frei wählen, welche Elemente aus der sichtbaren Welt er in sei-nem Gemälde wiedergeben will. Der Fotograf bestimmt eher, welche Aspekte der sichtbaren Welt er nicht in seinem Bild haben möchte - und ist dabei doch immer auch den Eigengesetzlichkeiten dieser Welt unterworfen. Oder anders gesagt: Die Arbeit des Malers wird stärker von den Gesetzen des Mediums selbst bestimmt, die Arbeit des Fotografen stärker von Bedingungen des Gegenstandes, den er zur Darstellung bringt. So gesehen ist das Medium Malerei weit technischer motiviert als die Fotografie. Oder anders gesagt: Das Arbeitsmaterial des Malers besteht technisch gesehen in erster Linie aus Farbe und Leinwand, das Material des Fotografen aber ist in erster Linie die sichtbare Welt.

Das gilt auch für Serge Hasenböhler. Mit dem einen Unterschied, dass er im Mikrokosmos seines Studios, wo er wie alle Künstler der Panthokrator einiger Kubikmeter Raum ist, erst kleine künstliche Welten baut, die er dann fotografiert. Es sind launische Ding-Assoziationen, halb Konstruktionen, halb Objet trouvé. Oft wirken seine Arbeiten wie Gedanken, die frei um-herschweifen, um plötzlich Bild zu werden - in flagranti erwischt, caught in the act. Seine Bilder erzählen uns etwas über den Blick auf die Dinge - und schweigen sich doch über deren Details aus. Diese Ambivalenz auf der Ebene des Inhalts setzt sich auch beim Formalen fort: Mit viel Eleganz wird uns da ein Stück Natur (oder gelegentlich auch ein Stück Natur-Imitat) präsentiert über einem Grund, der meist in der einen oder anderen Farbe sanft vor sich hin leuchtet - so oder ähnlich schön werden uns in der Werbung auch Schmuckstücke oder in Lifestyle-Magazinen kostbare Kosmetika oder Trüffeln präsentiert. Gleichzeitig aber entziehen sich uns diese Dinge auch: Mal verschwinden sie in der Unschärfe, mal werden ihre Konturen vom Licht überstrahlt oder im Schatten aufgesogen. Die Dinge werden von Ihrer "falschen" Seite gezeigt oder durch den Bezug zu ihrer Nachbarschaft in Frage gestellt.

Samuel Herzog: Mal wirken deine Arbeiten eher konstruiert, dann wieder hat man den Eindruck, die Dinge seien hier ohne steuernde Absicht dem Bild einfach so zugefallen.

Serge Hasenböhler: Für mich ist es wichtig, ohne eine vorgefasste Bildidee an die Arbeit zu gehen. Ich will keine Geschichte erzählen, nichts Symbolisches schaffen. Für mich sind die Dinge, die in meinen Bildern auftreten, reines Material. Ich weiss zwar, dass viele dieser Dinge mit Inhalten behaftet sind, doch versuche ich auch diese Inhalte wie etwas Materielles einzusetzen. Das heisst: Das Symbolische oder Erzählerische, das einem Ding anhaftet, steht für mich nicht über seiner materiellen Realität.

Samuel Herzog: Und wie muss man sich diesen Arbeitsprozess konkret vorstellen?

Serge Hasenböhler: Ich stelle ein Set zusammen, zu dem ganz verschiedene Materialienören. Dann fange ich an, die Sammelstücke zu kleinen Kompositionen zusammenzustellen. Ich mache dies sehr schnell, so dass keine Vorstellung eines Bildes entstehen kann und ich nicht ins Erzählerische oder Symbolische abrutsche. Dabei lasse ich mich ganz von momentanen Eingebungen leiten. Im Mittelpunkt steht, was da im Moment passiert, was sich da vor mir und in mir verändert und wie das geschieht. Der Spagat zwischen Zufall und Absicht und das Loslassen vorgefasster Codes ist für mich Antrieb zum Arbeiten. Ich denke bei dieser Arbeit also auch nicht an das Bild, das zum Schluss dabei herauskommen wird - folglich schaue ich auch nur selten durch den Sucher. Bei der definitiven Auswahl der Bilder achte ich jedoch darauf, dass diese Diskrepanzen oder Brüche spürbar sind.

Samuel Herzog: Ist das Bild also quasi das Dokument einer Performance?

Serge Hasenböhler: Das Dokument von Spuren einer Perfomance, würde ich eher sagen. Auf jeden Fall ist mir die Entstehung des Bildes ebenso wichtig oder vielleicht sogar wichtiger als das Bild selbst. So gesehen könnte man meine Bilder auch als eine Art von Dokumentarfotografie ansehen. Sie entstehen ja im Rahmen eines sehr önlichen Rituals, das schon mit der Organisation der Bildgegenstände (dem "Sammeln und Jagen") beginnt. Das Ergebnis dokumentiere ich dann.

SamuelHerzog: Und worauf läuft das hinaus? Als Betrachter sind wir am Ende ja nur mit dem Bild konfrontiert. Was ist da dein Ziel?

Serge Hasenböhler: Ich will den Betrachter verführen, diese Dinge nochmals neu und genau anzusehen. Deshalb versuche ich sie in einem neuen Kontext vorzuführen, wo die Bedeutungen noch nicht so stark festgeschrieben sind. Ich kehre die Dinge um, verschiebe die Grössen-verhältnisse... Streng genommen erwartet man ja von einem Fotografen, dass er die Dinge so fotografiert, dass man sie auf den ersten Blick erkennt. Mich interessiert es aber eher, sie die-sem ersten schnellen Blick zu entziehen - ihnen so die Chance einer neuen, einer zweiten Lektüre einzuräumen. Ich suche also nach Möglichkeiten dieser zweiten Lektüre - aber wie gesagt nicht auf dem Weg der Komposition, sondern ganz intuitiv.

Samuel Herzog: Fühlst du dich bei der Arbeit also eher wie Maler, der sich im Rausch auf seiner Leinwand austobt, denn wie ein Fotograf?

Serge Hasenböhler: Für mich hat meine Arbeit mehr mit Malerei als mit einem Rausch zu tun. Aber die Frage, ob ich nun eher Maler oder Fotograf bin, ist für mich zweitrangig. Schlussendlich sind es immer Fragen der Wahrnehmung, die für mich im Zentrum stehen: Wie stehst du im Leben? Wie nimmst du die sogenannten Wahrheiten wahr? Wie lässt sich die Optik verschieben? Die Gegenstände in meinen Bildern haben ja für jeden Menschen eine etwas andere Bedeutung - und jeder generiert aus dieser Optik heraus sein Bild der Welt. Wir haben also alle ganz andere Weltbilder - und genau diese Verschiebungen interessieren mich.

Samuel Herzog: Deine Arbeiten sollen sich also für möglichst viele verschiedene Interpretatioöffnen.

Serge Hasenböhler: Wenn ich mich dazu entscheide, ein Bild zu zeigen, dann ist es mir wichtig, dass es für jeden etwas anderes bedeuten kann. Ich mag es, wenn jeder etwas anderes darüber erzählt, wenn jeder aus seinem eigenen Empfinden und seiner eigenen Erfahrung heraus darauf reagieren muss.

Samuel Herzog: Auch das ist eigentlich ein Vorhaben, das man eher mit Malerei als mit Fotografie verbindet.

Serge Hasenböhler: Ja vielleicht. Mit Fotografie kann man ja sehr genau steuern, was für Assoziationen man beim Betrachter auslösen will. Genau das aber interessiert mich nicht mehr: Ein Bild sollte immer ein Rätsel in sich tragen, nur so ist ein Diskurs zu erwarten.

Samuel Herzog, April 2004