Galerie Gisèle Linder
Galerie Gisèle Linder GmbH
Elisabethenstrasse 54
CH-4051 Basel
Tel +41 61 272 83 77

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ANDREAS SCHNEIDER
SQUEEZE
23.7. – 20.8.2016

Der Basler Künstler Andreas Schneider setzt die ortsgebundene Gegebenheit der Galerie Gisèle Linder ins Zentrum. Zum einen geht es um die historische Komponente. Das Haus der Galerie, welches zu Beginn des 20. Jahrhunderts erbaut wurde, trotzt seit Jahren stolz in der mit Neubauten umgebenen Lage. Diese überragen das stilvolle Gebäude von beiden Seiten. An seiner Wirkung hat das Haus dadurch kaum eingebüsst. Im Gegenteil, das Gebäude stemmt sich bis heute gegen die Umschliessung und Einengung. Dieses Dagegenhalten ist das übergeordnete Thema der Ausstellung.

Das Wachstumsstreben vereint sich in umgekehrter Form sowohl beim Gebäude, als auch im Inneren. Für die Galerie wurden die beiden einstigen Ladengeschäfte zusammengelegt und intern mit einer Wendeltreppe ins Untergeschoss ergänzt. Sogar der Balkon wurde zu einem Teil der Ausstellungsfläche. Hier wird mit dem vorhandenen Raum gearbeitet, was den Reiz der Galerie ausmacht. An prominenter Lage mit hervorragendem Programm wird seit Jahren erfolgreich Kunst gelebt. Die situative Ordnung soll nun selbst zur Schau gestellt werden.

Die Eingriffe von Andreas Schneider sind grossformatig und reduziert ausformuliert. Die Werke erstrecken sich über die ganze Galerie, vom Eingang über den Innen- bis hin zum Aussenraum. Die Umsetzung der Werke soll die Einengung, das Pressen und Klemmen des altehrwürdigen Gebäudes aufzeigen. Die Ausgestaltung soll eine physische Erfahrung zu Squeeze ermöglichen und die Enge spürbar machen.

Push
Ein massiver Körper aus Beton schiebt sich in den Galerieraum hinein. Fast schwerelos schwebt die Masse über dem Trottoir. Beim Eintreten in den Galerieraum sieht man, dass sich der Körper in den Innenraum erstreckt. Der Blick auf das Quaderende enthüllt überraschend den Anfang des Quaders. Denn hier zeigt sich der reliefartige Eindruck einer übergrossen Innenhand. Diese scheint die ganze Betonmasse, genauso wie von Aussen lesbar nach Innen schiebend, nun nach Aussen zu drücken. Die Betonmasse in der Galerie soll den Druck auf die “alten“ Häuser suggerieren und damit auch die Haltung unterstreichen, diesem Umstand standzuhalten.

Butterfly
Ein Träger aus Holz spriesst und verkeilt auf Brusthöhe quer durch den Raum. Er steht für das Stemmen gegen den Druck von aussen. Der Träger vermittelt jedoch eine Funktion, welche er nicht wahrnehmen kann. Rein statisch wird der Träger seiner vorgesehenen Nutzung enthoben, da er aus leichtem Material gefertigt ist. Unklar bleibt auch wogegen sich der Träger stemmt. Da keine klaren Auflager vorhanden sind, scheint es, als würde der Träger durch die Wand hindurch gehen.

Pull
Rund um das Galeriegebäude wurde in den 70er und 80er Jahren der Blockrand zu- und überbaut. Diese Dominanz wird mit einem gezogenen Aluminiumprofil auf wuchtige Weise dargestellt. Die Wahl des Materials soll die Strenge und Unverrückbarkeit der heutigen Situation aufzeigen. Die Anordnung des Werks ist mit dem Galerieausschnitt nach oben gerichtet. Genauso wie es für ein weiteres Streben nach Wachstum nur noch Luft nach oben hat.

Sonderedition „Squeeze“
Die Sonderedition zeigt eine veränderte Aufnahme des Wasserturms in Schönenbuch/BL. Der Turm wurde 1990 erbaut und besticht durch seine feine und ausdrucksstarke Architektursprache. Der Wasserturm besteht hauptsächlich aus Beton, erscheint jedoch alles andere als massig. Für das Bild Squeeze wurde der Kopf des Wasserturms gespiegelt und damit neu interpretiert. Gleich einer Hantel vermittelt es das Gefühl des Zusammendrückens in seiner konzentriertesten Form.

Marina Huonker, Juli 2016


URSULA PALLA
REVERSE ISLAND
23.7. – 20.8.2016

Unter dem Titel Reverse Island stellt die Schweizer Künstlerin Ursula Palla eine Auswahl ihrer Video- und Objektarbeiten vor. Mit der Bildhaftigkeit und Tiefe ihrer Werke vermag es die Künstlerin den Ausstellungsräumen Leben einzuhauchen.

Auf den ersten Blick berühren die Werke auf einer sinnlich-ästhetischen Ebene, um bei längerem Hinsehen die Kehrseite der Medaille zu enthüllen. Reverse Island steht für diesen mehrschichtigen Eindruck von einfacher Zugänglichkeit und unmittelbarer Verwirrung. Die Insel als Paradies, ein Ort zum Träumen, wird ins Gegenteil verkehrt. Die Illusion wird zunichte gemacht, je mehr sich offenbart.

Die Arbeit black flowers ist Sinnbild für den Wandel von Wunschdenken in bittere Enttäuschung. Die Videoinstallation nimmt Bezug auf die mit Blumen betitelten Revolutionen in Portugal, Georgien, Tunesien, Ukraine und Kirgisien. Rosen, Tulpen, Jasmin, Orangenblüten und Nelken fliegen auf den Betrachter zu und klatschen gegen die Fensterscheibe. Beim Aufprall verlieren sie ihre natürliche Farbigkeit, werden grau und schwarz. Einstmalige Träume und Erwartungen zerbersten förmlich und kippen in Hoffnungslosigkeit.

Auch neue Arbeiten wie apples 4 schaffen es, aufs Wesentliche reduziert, den Zuschauer zu überraschen. Vier kleine Monitoren, angeordnet zu einem an Cézannes „vier Äpfel“ erinnernden Stilleben, zeigen Nahaufnahmen von perfekt glänzenden Äpfeln, welche plötzlich in Zeitlupe explodieren. Der Apfel als symbolträchtiger Gegenstand steht hier im Fokus. Historisch gesehen wird er oft mit dem Baum der Erkenntnis in Verbindung gebracht und dient als Zeichen für Fruchtbarkeit und herrschaftliche Macht. In der Kunst wurde der Apfel meist als allegorisches Attribut oder als Teil von Stilleben verwendet. Für Ursula Palla steht der Apfel für unsere Geschichte und die Frage, inwieweit sich Menschen vom Wissen um Vergangenes leiten lassen. Die Antwort fällt ernüchternd aus: Der Apfel wird in apples 4 komplett auf seine Form und Oberfläche reduziert, um im nächsten Augenblick in alle Einzelteile zu zerspringen.

In ihren Werken gelingt es Ursula Palla, schwierige Themen in bewegte Bilder zu fassen. Sie spielt dabei gerne mit poetisch anmutender Leichtigkeit. Der Zuschauer ahnt nicht, dass er langsam verzaubert wird, bevor ihn die erschütternde Erkenntnis trifft.

Marina Huonker, Juli 2016