Galerie Gisèle Linder
Galerie Gisèle Linder GmbH
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Ihren eigenen « Langen Marsch » hat Mingjun Luo in der Einsamkeit und in der Konzentration ihres Bieler Ateliers vollzogen, zwischen China, wo sie geboren ist und der Schweiz. Ein grosser kultureller Abstand, den sie überwinden und zähmen musste und der der eigentliche Mittelpunkt ihres künstlerischen Vorgehens ist. Ihr Leben und ihr Werk beruhen auf diesem ständigen, zuerst schmerzhaften, dann fruchtbaren Hin und Her, das immer im Aufbau und in ständiger Bewegung ist. Zwischen hier und dort hat die Künstlerin sich einen « dritten » Ort erfunden, einen schöpferischen Freiraum, der die Türe zu all ihren inneren Widersprüchen öffnet, die Orient und Okzident eng miteinander verbinden.

Vor ihrem Eintritt in die Kunstakademie war Mingjun gern im Theater- und Opernbühnenbild-Atelier tätig, wo ihr Vater arbeitete, bevor sie Poster in einem Filmstudio malte. Von diesen « Fabriken » im Geschichtenerzählen ist ihr ein scharfer Sinn für die poetische Erzählung geblieben. Was die Fotografie betrifft, so hat sie die Technik eher zufällig bei einem Berufsfotografen gelernt, der sie gern als Modell für seine Porträts benutzte. Die Magie des Bildes, das im Entwicklerbad allmählich auftaucht, hat sie nie verlassen. Anhand von Familienalben und wie auf einem fotosensiblen Papier, zeichnet, malt, fotografiert, filmt und kreiert sie Installationen, denn sagt sie, « ein einziges Medium reicht nicht, um das alles zu erzählen ». Mit träumerischer und meditativer Langsamkeit schwingen ihre Werke zwischen Unschärfe und Schärfe des Auftauchens und Verschwindens der Bilder, des Erscheinens und der Auflösung der Erinnerungen.

Sie will sich aber keinesfalls damit begnügen, ihr Leben in China oder die Veränderungen in ihrem Land seit dem Ende der 1980er Jahre zu dokumentieren. Mingjun schöpft zwar stets und immer wieder aus den Spuren ihrer Vergangenheit und sie verfolgt mit grosser Aufmerksamkeit das heutige Geschehen, aber sie drückt das als Künstlerin aus und setzt es um, indem sie die Fragmente mit dem Ganzen ineinander verzahnt, das Licht mit dem Schatten, das Sensible mit dem Konzeptuellen. Es liegt ihr daran, die Welt durch « die kleinen Dinge » zu erzählen, und sie verknüpft dabei das ganz Nahe mit dem ganz Weiten, das Intime mit dem Universellen.

Fast keine Farbe in ihren Arbeiten: damit stimmt sie mit ihren chinesischen Vorfahren überein, mit deren Liebe und Wissen für das Schwarz-Weisse, für die Transparenz, für das Hell-Dunkel. Kein Pathos, auch keine grossartigen Effekte, sie ist in der Suggestion, im Subtilen, im Intimen. Und niemals etwas Definitives, Starres: alles bleibt schwebend, ungewiss, durchdrungen vom grundlegenden Geheimnis des Lebens und des Schicksals.

Der Westen hat sie jedoch auch geprägt. Sie selbst erzählt dass, während sie sich bis vor kurzem noch auf das Endresultat ihrer Arbeiten konzentrierte, es heute vor allem das Vorgehen sei, das sie interessiere, sie versuche, diesen « Prozess zu kristallisieren ».

Die Themen der Entwurzelung, des Identitätsverlustes, der Suche nach Integration sind heute so brennend aktuell und schwierig wie eh und je. Auch wenn sie ihr Land vor fast 30 Jahren verlassen hat, und zwar freiwillig, so verweist ihre Arbeit auf alle Migrationen, auf jede Suche nach Identität, in der Art eines elegischen Märchens, zärtlich und grausam zugleich.

Juli 2016, Françoise Jaunin
Ueberseztung: Liliane Vindret