
22.01. - 03.03.2012
Wo sich die Geschichte eingeschrieben hat - Philipp Goldbach und die Fotografie
Der Kölner Künstler Philipp Goldbach (*1978), der erstmalig seine Arbeiten in der Galerie Gisèle Linder ausstellt, versteht es wörtlich: griech. photos: Licht und graphein: zeichnen, schreiben. Mit Hilfe der bildgebenden Methode der Fotografie beschreibt er und macht sichtbar, was normalerweise im Verborgenen bleiben würde. Dies ist dem besonderen Interesse des ars viva Preisträgers an der Verbindung von Fotografie und Schrift geschuldet.
Massgeblich äussert sich dieses an seinen Tafelbildern (2003, 2008-2011), in denen er die historische Benutzung von Universitätstafeln thematisiert. Zu Beginn dieser Serie lockte es Goldbach, der auch Philosophie studierte, sich auf die Fährte bekannter deutscher Denker und ihrer Lehrstätten zu begeben. Doch was er mit seiner Kamera in den Universitätshörsälen vorfand, war mehr als eine historische Aura: Die verschiedenen Tafeln zeigten hingekritzelte Formeln, Wortfragmente, Schwammmuster, unter denen hier und da noch ein Buchstabe durchschimmerte – unterschiedlichste Überbleibsel einer Lehrstunde. Goldbachs Tafelbilder offenbaren durch diese diversen Einschreibungen einen ihnen innewohnenden Prozess des Auftragens und wieder Auslöschens. Sich überlagernde Zeitebenen werden ebenso sichtbar wie auch der Fortschrittsgedanke in der Wissenschaft, Altes zu überdenken, Neues zu implementieren. Neben dieser Reflexion über den Gebrauch der Tafel, führt Goldbach dem Betrachter noch eine weitere Bedeutungsebene vor Augen, die schon im Titel impliziert ist: Das Tafelbild als eine Grundform der bildlichen Darstellung, die ihren Anfang in der Ikonenmalerei fand. Wenig verwunderlich vor diesem Hintergrund und dennoch überraschend ist die Assoziation der geöffneten Tafel mit einem Triptychon, das in die christliche Bilderwelt der Flügelaltäre verweist.
Eine weitere Serie von Goldbach, die im Kabinett der Galerie Gisèle Linder zu sehen sein wird, ist Phototype (2011). Mit einem archivarischen Anspruch sammelte Goldbach Matrizenscheiben alter Foto- bzw. Lichtsetzmaschinen. Dieses durch die Digitalisierung obsolet gewordene Verfahren stellte in den 1950er Jahren die direkte Verbindung zwischen analoger Fotografie und Schrift her. Im Gegensatz zum üblichen Produkt der Anwendung, einem gesetzten Text, ist das Produkt von Goldbachs Arbeit eine Belichtung der gesamten Scheibe. Das, was sonst nicht sichtbar ist, und zwar die Scheibe mit ihren Buchstaben und Zeichen, tritt zum Vorschein.
Philipp Goldbachs Arbeiten legen mit Hilfe der Fotografie offen, wie Schrift und somit auch Geschichte sich in Medien einschreibt (Tafelbilder), aber auch wie Medien (Phototype) einst Geschichte einschrieben und durch ihre Technik sichtbar machten. Als besondere Arbeit im Prozess wird der Künstler im Garten der Galerie ein neues installatives Werk zeigen, das wiederum auf eine andersartige Weise deutlich macht, wie sich äußere Einflüsse auf einer Oberfläche eindrücken und ein Bild erzeugen.
November 2011 |
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