Galerie Gisèle Linder
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Clare Kenny - „Birthmark“ (Muttermal)

09.04. – 14.05.2022

Ein Muttermal ist bereits festgelegt, bevor wir geboren werden. Im UK gibt es den Glauben, dass die Menschen aufgrund harter Arbeit und Talent Erfolg haben. Tatsächlich bestimmen aber die Lebensformen, in die wir hineingeboren werden, zum grössten Teil das Leben, das wir führen werden; es wird beeinflusst durch die Schulen, die wir besuchen, durch unsere Familie und die sozialen Netzwerke und sogar auch durch die Geografie. Die Chancen sind nicht gleich. Im Bereich der Künste gibt es einen unverhältnismässig hohen Prozentsatz von Menschen aus der Mittel- und Oberschicht; der Anteil jener mit einem Hintergrund in der Arbeiterklasse oder dem Prekariat hat sich im Laufe der letzten vierzig Jahre halbiert. Tatsächlich kann man nach den statistischen Berufs-Klassifizierungen im UK nicht Künstler*in sein und sich gleichzeitig auch als der Arbeiterklasse zugehörig identifizieren. Ungleichheiten bleiben über die Generationen hinweg durch das bestehen, was geschätzt und anerkannt wird. Beispielsweise erschafft jede Gemeinschaft Kultur, wobei es allerdings so ist, dass nur einiges davon aus historischer Perspektive als «Hochkultur» definiert worden ist.

Clare Kenny ist zu Recht auf ihren Hintergrund, auf ihre Familie stolz. Ihr künstlerisches Schaffen ist auf authentische Weise ihr eigenes und von ihrem Wertesystem und ihrer Weltsicht geprägt. Sie strebt nicht danach, eine Künstlerin zu sein, die die Kunst anderer Menschen macht; sie fordert zu Recht, dass wir den Wert ihres Werks und die Begleitumstände, die es prägen, wertschätzen. Sie ist sich in sehr hohem Masse dessen bewusst, was in der Kultur geschätzt wird (und wurde) und wie dies die Welt zugunsten der Elite verzerrt hat.

Kenny bringt einige jener Dinge ans Licht, die als «wertlos» übersehen wurden. Ihr Interesse an Brunnen entspringt beispielsweise der Tatsache, dass viele der städtischen Wasserläufe umgeleitet oder überbaut werden, wohingegen verzierte Brunnen in städtischen Parkanlagen einen Ehrenplatz einnehmen. Sie befinden sich oft neben Statuen der Bedeutenden und der Guten, die hoch über die gewöhnlichen Menschen erhoben werden und von ihrer besten (oder besseren) Seite gezeigt werden. Kennys Brunnen werden im Laufe der Zeit mit den Farbstoffen verfärbt, die normalerweise verwendet werden, um diese verborgenen Wasserläufe und Flüsse zu verfolgen. Das Weiss der Skulpturen wurde jahrhundertelang fälschlich mit gutem Geschmack und Zivilisation assoziiert, während die alten Griechen und Römer ihre Marmorstatuen in Wirklichkeit mit grellbunten Farben bemalt hatten. Die Säure- und Pastellfarben in Kennys Werk verweisen auch auf ihre eigenen prägenden Jahre zurück, als diese als Teil der Rave Szene in Mode waren – ihrerseits eine Entwicklung der Northern Soul-Kultur der Arbeiterklasse.

Kennys «Nana» (Grossmutter) verbrachte ihr Arbeitsleben damit, dass sie in einer Fabrik im Norden Englands Seile herstellte. Es gab immer und überall Seile, wie sich Kenny erinnert – sie waren ständig in Gebrauch, beispielsweise als Wäscheleinen in einer grossen Familie, und sie waren ein Symbol für Autarkie, da man mit einem Stück Seil immer irgendetwas festbinden kann. Ein Seil ist kulturell besetztes Material, das in industriellen, jedoch nicht in Büro-Jobs Anwendung findet. Ihre «Nana» war, wie viele andere auch, auf Stundenbasis angestellt, um etwas physisch zu erschaffen, das dann anschliessend, um Gewinn damit zu machen, von Leuten in Anzügen verkauft wurde. Die sich dauernd wiederholende Schinderei ihrer Arbeit gestaltete ihren Körper, wie die Einbrüche in Kennys Formen. Die seltenen Einschnitte im Laufe des sogenannten gewöhnlichen Lebens – Erinnerungspunkte wie Heiraten, Geburtstage und Feiern – werden in dieser Ausstellung durch übrig gebliebene Luftballons dargestellt, aus denen teilweise die Luft entwichen ist.

Kennys Werk ist ästhetisch und materiell anziehend und interessant. Es entstammt einer grossartigen Arbeitsmoral und einem Engagement für das Verständnis von Prozessen und Materialien, für das Ausloten dessen, wofür sie geeignet sind. Es dringt gleichzeitig auch ins Zentrum der Ungleichheiten vor, da es durch ihre Erfahrungen im UK geprägt ist. Indem sie die Aufmerksamkeit auf das Tiefgründige im Alltäglichen lenkt, offenbart sie dessen Würde und Wert. Sie lädt uns dazu ein, das Übersehene anzuschauen und auf dieses Weise tief verankerte Ansichten neu zu überdenken – um zu würdigen, dass ein scheinbar gewöhnliches Leben alles andere als «gewöhnlich» ist.

Helen Pheby, März 2022